Versuchskaninchen Mensch

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Gefährliche Klausel

Im Bioterrorismusgesetz von 2002 existiert in den USA eine Klausel, die besagt, dass klinische Studien am Menschen zur Erforschung biologischer Waffen nicht mehr unethisch seien. Diese Klausel wird „Tierregel“ genannt und wurde von der US-Arzneimittelbehörde FDA bislang schon 9x in Anspruch genommen. Hochgefährliche Krankheiten wie Milzbrand oder Ebola sollen auf diese Weise auch am Menschen erforscht werden. Der Begriff „Tierregel“ ist also eine bewusste Irreführung.
Nun wurde diese Klausel erstmals auf einen Impfstoff ausgeweitet: Gegen Milzbrand.

Milzbrand

Milzbrand (Anthrax) eignet sich als Biowaffe. Die Infektionskrankheit wird durch den Bacillus anthracis verursacht. Menschen können befallen werden, wenn sie hohen Dosen der Milzbrandsporen ausgesetzt sind. Diese Sporen können unter Umständen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte überleben. Die Ansteckungsgefahr von Mensch zu Mensch gilt jedoch als sehr unwahrscheinlich.
Auf der Suche nach Abwehrmöglichkeiten von Milzbrand wurde die Wirkungsweise des Anthrax-Erregers und der Verlauf der Krankheit gut erforscht. Nun wird ein Impfstoff getestet: Am Menschen!

Versuchskaninchen

Die Grundlage der Impfung in Kombination mit dem Antibiotikum geht auf Tierversuche mit Kaninchen zurück. Zunächst wurden Kaninchen mit Milzbranderregern in Kontakt gebracht. Eine Versuchsgruppe bekam Antibiotikum, die andere den Antrax-Impfstoff.
Antibiotikagruppe: 23 – 44% überlebten
Impfstoffgruppe: 70 – 100% überlebten

Versuchs-Menschen

Um zu testen, ob der menschliche Organismus genauso wie die Kaninchen auf den Impfstoff reagiert, wurden neue Tests gemacht. Gesunde Menschen wurden gegen Milzbrand geimpft, in drei separaten Dosen in einem zeitlichen Abstand von zwei Wochen. Nach Beendigung des Testes hatten etwas mehr als 50% der geimpften Teilnehmer Antikörper entwickelt. Die Überlebenschance von 70% schien bestätigt. Doch die Grundlage ist dünn.

Grundlage zu dünn

Gesunde Menschen zur Prophylaxe gegen Milzbrand zu impfen war damals noch nicht erlaubt. Deshalb war die Personengruppe, die sich dieser Impfung unterzog auch sehr klein. Zu klein, um verlässliche Aussagen zu treffen.
Natürlich ist dies der US-Arzneimittelbehörde FDA bekannt. Deshalb wartete man auf eine Zeit, um die Richtigkeit der Annahmen erneut zu überprüfen: Diese Zeit scheint nun gekommen! Die „Tierklausel“ erlaubt weitere Impfungen beim Menschen, ganz legal.
Hier ein zeitlicher Abriss, wie es dazu kam:

1970
Der Hersteller von Großarzneimittelsubstanzen Emergent BioSolutions entwickelt einen Antrax-Impfstoff für Menschen, die ein hohes Ansteckungsrisiko eingehen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA genehmigt es. Alle Menschen von 18 bis 65 Jahren, die in Kontakt mit dem Milzbrand-Erreger gekommen sind – oder kommen könnten -, werden zusätzlich zu einem Antibiotikum mit diesem Impfstoff versorgt.

2001
Die „Briefbomben“ mit Milzbrand-Erregern an Politiker und Medienunternehmen finden ein Ende. Seit 2001 gab es in den USA keinen Verdacht auf Milzbrand mehr.
Obwohl die Empfänger der Briefe mit dem genehmigten Antrax-Impfstoff und einem Antibiotikum behandelt wurden, erkrankten 17 Personen, 5 starben.
Der Kommentar der Wissenschaft lautete damals zynisch, dass bei Tierversuchen mit Kaninchen eine 70%ige Überlebensrate als „angemessenes Maß an Schutz“ gelte.
Aber es musste ein Weg gefunden werden, um Bioterrorismus einzudämmen.

2002
Aufgrund der ereignisse  wird 2002 das Gesetz gegen Bioterrorismus verabschiedet und mit der irreführenden „Tierregel“ versehen. Seitdem stehen die Tore offen.

2003
Schon ein Jahr nach der Verabschiedung des Bioterrorismusgesetzes wird die „Tierregel“ das erste Mal angewendet. Die Tests dienten der Vorbehandlung gegen Nervengas. Das Verfahren wurde genehmigt.

2006
2006 wird ein Medikament für die Behandlung von Zyanidvergiftungen am Menschen getestet.

 2012
Weiterhin beruft sich die FDA auf die „Tierregel“. Neue Antibiotika zum Einsatz gegen Milzbrand oder die Pest, Medikamente zur Behandlung nach einem Atomunfall oder gegen Botulismus, einer lebensbedrohlichen Vergiftung, meist durch verdorbenes Fleisch oder nicht fachgerecht eingekochtes Gemüse hervorgerufen.
Die Genehmigung von zwei Medikamenten wird 2012 auf Grundlage des Bioterrorismusgesetzes genehmigt.

2013
Ein weiteres Medikament findet 2013 seinen Weg auf den Markt.

2015
Dieses Jahr werden neben dem Milzbrand-Impfstoff noch 5 weitere Medikamente durch die Gesetzesgrundlage des Bioterrorismusgesetzes durchgedrückt.

Milzbrandfälle sehr selten

Um testen zu können, ob der Impfstoff nicht nur als Prophylaxe, sondern auch als Behandlungsmethode greift, braucht man Fälle von Erkrankungen. Diese sind zum Glück sehr selten. Deshalb werden die Wissenschaftler und die Pharmaindustrie vielleicht nie mit Sicherheit sagen können, ob der Impfstoff im Falle einer Milzbranderkrankung wirkt und für welche Nebenwirkungen er sorgt. Die Datenmenge reicht einfach nicht aus.  Trotzdem wird munter weiter geimpft.

Die Büchse der Pandora

Der Mensch hat immer das angewendet, was technisch möglich war. Vereinzelte Rufe nach Ethik oder Sinnhaftigkeit verhallen im Rausch des Machbaren. Gehen Sie also davon aus, dass weitere Medikamente am Menschen getestet werden. Die Büchse der Pandora ist geöffnet.
Jede FDA-Genehmigung, bei der die „Tierregel“ zur Anwendung kommt, macht es für künftige Fälle nur noch einfacher unerprobte Medikamente durchzudrücken (Amesh Adalja, amerikanischen UPMC Center for Health Security).

Anmerkungen:
Hinweis

Diese Informationen sind für Interessierte zur Weiterbildung gedacht und dienen nicht dem Ersatz für ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Therapieanweisungen. Urs Buergi weiß, dass es in der Medizin keine Methoden gibt, die zu 100% funktionieren. Jeder Mensch ist und reagiert anders. Haftung für Schäden irgendwelcher Art, die direkt oder indirekt aus dem Gebrauch dieser Angaben entstehen könnten wird deshalb nicht übernommen. Nehmen Sie bitte niemals Medikamente (Heilkräuter eingeschlossen) ohne Absprache mit Ihrem behandelnden Arzt ein.

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